Liebe Leserinnen und Leser,
der Juni steht im Zeichen des Magenstroms und des Zwillings. Eine spannende Verbindung, denn astrologisch wird der Magen dem Zwilling zugeordnet. Während wir den Magen meist mit Nahrung und Verdauung verbinden, erinnert uns diese Zeit an eine viel tiefere Aufgabe: die Fähigkeit, das Leben selbst zu verdauen.
Im Jin Shin Jyutsu ist die Magenfunktionsenergie der ersten Tiefe zugeordnet. Die Jahreszeit der ersten Tiefe ist der Spätsommer – die Zeit der Reife, der Wandlung und der Ernte.
In der Natur können wir diesen Prozess wunderbar beobachten. Die Früchte sind gewachsen, die Felder stehen in voller Kraft, und die Stärke wird langsam in Süße verwandelt. Die gelben Sonnenblumenfelder strahlen die nährende Kraft der Mutter Erde aus. Es ist die Zeit vor der Ernte – eine Zeit des Innehaltens, des Betrachtens und des Reifens.
So wie die Natur ihre Früchte hervorbringt, verwandelt auch unser Körper unaufhörlich. Die Funktionen von Magen und Milz beziehungsweise Bauchspeicheldrüse wandeln Nahrung in Energie, Kraft und Lebendigkeit um. Doch diese Fähigkeit zur Transformation wirkt nicht nur auf körperlicher Ebene.
Der Magenstrom wird mit dem Satz verbunden:
„Ich denke.“
Wie oft erleben wir, dass uns etwas „auf den Magen schlägt“? Gedanken, Sorgen, Entscheidungen oder ungelöste Themen beschäftigen uns manchmal mehr, als uns bewusst ist. Wir alle sind täglich aufgefordert, Erfahrungen, Begegnungen, Gefühle und Herausforderungen zu verarbeiten. Wir verdauen nicht nur Nahrung – wir verdauen das Leben.
Die erste Tiefe begleitet besonders Wandlungsprozesse. Immer dann, wenn etwas Altes zu Ende geht und etwas Neues entstehen möchte, sind ihre Qualitäten gefragt. Sie lädt uns ein, innezuhalten und uns Fragen zu stellen wie:
- Was durfte in den vergangenen Wochen wachsen?
- Was möchte ich würdigen?
- Welche Erfahrungen möchte ich integrieren?
- Was nährt mich wirklich – körperlich, geistig und seelisch?
- Worauf bereite ich mich innerlich bereits vor?
Die Zeit vor der Ernte ist eine Zeit des Nachsinnens. Wir reflektieren unser Leben und richten unseren Blick langsam auf das, was als Nächstes kommen möchte.
Die erste Tiefe ist deshalb auch mit der Fähigkeit des Schweigens und der Meditation verbunden. In der Stille können wir erkennen, was wesentlich ist.
Gerät die erste Tiefe jedoch in Disharmonie, beginnt sich unser Denken im Kreis zu drehen. Wir grübeln über Vergangenes nach, das längst vorbei ist, oder sorgen uns um eine Zukunft, die noch gar nicht geboren wurde. Wir kauen immer wieder auf denselben Geschichten herum und finden doch keine Lösung.
Wenn die Energien der ersten Tiefe hingegen kraftvoll und harmonisch fließen, entwickeln wir eine stabile, liebenswerte Persönlichkeit. Wir können mit mehr Gelassenheit auf das Leben schauen, empfinden Mitgefühl für uns selbst und andere und finden Vertrauen in den natürlichen Fluss des Lebens.
Die Magenfunktionsenergie unterstützt uns dabei, dass aus dem weisen Nachdenken über das Leben kein unfruchtbares Grübeln wird.
Vielleicht lädt Sie der Juni dazu ein, immer wieder einen Moment innezuhalten und sich zu fragen:
„Was möchte heute von mir verdaut werden – und was darf ich loslassen?“
Manchmal entsteht genau in diesen stillen Momenten die Klarheit, nach der wir so lange gesucht haben.
Ich wünsche Ihnen einen Juni voller Vertrauen, guter Gedanken, innerer Ruhe und heilsamer Wandlungsprozesse.
Von Herzen
Ihre Claudia Grill

